Drei Wochen Texas – viel mehr als nur Schwimmen

Im Wettkampf sind sie Konkurrenten, im Training treiben sie sich gegenseitig an und außerhalb des Beckens sind sie Freunde. Aus dieser Freundschaft entstand für Hardy Frank eine Reise nach Texas, bei der es um weit mehr ging als um Schwimmen: drei Wochen amerikanischer Alltag, ein Schulpraktikum, neue Trainingserfahrungen und jede Menge Begegnungen.

Zwei Freunde, zwei Cowboyhüte und drei gemeinsame Wochen in Texas.

Ende September machte sich der 15-jährige Hardy Frank vom SSV Leutzsch allein auf den Weg in die USA. Sein Ziel: The Woodlands, nördlich von Houston in Texas. Dort verbrachte er drei Wochen bei der Familie seines Schwimmfreundes Hannes Petzold.

Trainieren mit amerikanischen Schwimmern, ein Betriebspraktikum absolvieren, das Highschool-Leben kennenlernen und zwischendurch möglichst viel von Texas mitnehmen – all das sollte in diesen drei Wochen Platz finden.

Im Wettkampf Konkurrenten, außerhalb Freunde

Kennengelernt hatten sich Hardy und Hannes bei den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften. Beide gehören zu den schnellsten deutschen Nachwuchsschwimmern über 100 Meter Freistil. Hannes ist Deutscher Jahrgangsmeister auf dieser Strecke – im Wettkampf stehen sich die beiden also als direkte Konkurrenten gegenüber.

Aus der ersten Begegnung wurde nach und nach eine Freundschaft. Vor allem beim Trainingslager des Deutschen Schwimm-Verbandes auf Mallorca und später beim Länderkampf in Ljubljana verbrachten sie mehr Zeit miteinander. Dort traten beide für die deutsche Nachwuchsnationalmannschaft an und gewannen gemeinsam sogar Medaillen für Deutschland.

Aus Konkurrenten wurden Teamkameraden – und schließlich Freunde.

Dass sie sich im Wettkampf nichts schenken, steht ihrer Freundschaft nicht im Weg. Im Gegenteil: Im Training spornen sie sich gegenseitig an, unterstützen sich und wollen gemeinsam besser werden.

Und außerhalb des Wassers verstehen sie sich ohnehin bestens.

So wurde aus der gemeinsamen Zeit im Nationalteam schließlich eine Einladung nach Texas. Drei Wochen bei Hannes und seiner Familie – und die Gelegenheit, den Alltag eines amerikanischen Nachwuchsschwimmers unmittelbar mitzuerleben.

Schwimmen auf Amerikanisch

Wer glaubt, Hardy hätte in Texas vor allem Urlaub gemacht, liegt daneben.

An vielen Tagen klingelte der Wecker bereits gegen fünf Uhr. Gemeinsam mit Hannes und dessen Bruder Nikolas ging es anschließend zum Frühtraining an der Highschool. Am Nachmittag stand dann häufig die nächste Einheit beim Magnolia Aquatic Club auf dem Programm.

Nach dem Training am Michael D. Holland Aquatic Center in Magnolia.

Dabei merkte Hardy schnell, dass in Texas teilweise anders trainiert wird als in Leipzig.

Viele Serien wurden mit hohen Intensitäten geschwommen. Viel Tempo, hohe Belastungen und immer wieder die Aufgabe, auch unter Ermüdung schnell zu bleiben. Technische Übungen, wie Hardy sie aus seinem bisherigen Training kennt, spielten nach seinen Eindrücken eine geringere Rolle.

Dazu kamen Trainingsmittel, mit denen er bislang kaum Erfahrung hatte. Zum Beispiel die sogenannten Power Towers: Über einen Gurt und ein Seilsystem schwimmen die Athleten gegen zusätzlichen Widerstand. Auch beim Krafttraining mit Gewichten lernte er neue Übungen kennen und ging zunächst vorsichtig an ungewohnte Belastungen heran.

Nicht jede Einheit lief gleich gut. Mal konnte Hardy bei den schnellen Serien mithalten, mal musste er das Tempo reduzieren. Gerade die hohen Intensitäten verlangten ihm einiges ab.

Aber genau darin lag auch der Wert dieser Wochen: einmal andere Trainingsmethoden kennenlernen, neue Reize erleben und selbst herausfinden, wie der eigene Körper darauf reagiert.

Es geht dabei nicht um die Frage, ob amerikanisches oder deutsches Training besser ist. Unterschiedliche Trainer setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Für einen jungen Sportler kann es nur hilfreich sein, solche Erfahrungen zu sammeln und den eigenen Blick auf das Training zu erweitern.

Auch einen amerikanischen Schwimmwettkampf erlebte Hardy während seines Aufenthalts. Vor Beginn wurde die Nationalhymne gespielt. Wie selbstverständlich die Amerikaner dabei ihren Patriotismus zeigen und welche Rolle solche Rituale im Sport spielen, war für ihn eine neue Erfahrung.

Neue Trainingspartner, andere Methoden und viele intensive Einheiten beim Magnolia Aquatic Club.

Ein Schulpraktikum am anderen Ende der Welt

Ein weiterer Anlass für die Reise war das Betriebspraktikum der Freien Waldorfschule Leipzig. Warum also nicht die Gelegenheit nutzen und das Praktikum gleich mit einem Aufenthalt in den USA verbinden?

So gehörte für Hardy neben dem Schwimmtraining auch der amerikanische Büroalltag zu diesen drei Wochen. Er war regelmäßig im Office dabei, lernte die Abläufe vor Ort kennen und erlebte, wie die Zusammenarbeit über Videocalls und digitale Arbeitsplätze funktioniert.

Dabei war auch die Sprache eine Herausforderung. Einem beruflichen Gespräch auf Englisch zu folgen, ist schließlich etwas anderes, als sich mit Freunden oder Trainingskameraden zu unterhalten.

Aus dem Schulpraktikum wurde so ganz nebenbei ein weiterer Teil seiner Auslandserfahrung – und eine Gelegenheit, auch außerhalb von Schule und Schwimmbad auf eigenen Beinen zu stehen.

Schulpraktikum in Texas: Hardy lernt den amerikanischen Büroalltag kennen.

Highschool und amerikanischer Alltag

Neben dem Praktikum bekam Hardy auch Einblicke in das amerikanische Highschool-Leben.

Er konnte erleben, wie der Schulalltag dort aussieht und wie Hannes und seine Freunde Schule und Leistungssport miteinander verbinden.

Denn mit dem Frühtraining ist der Tag längst nicht geschafft. Nach der Schule geht es häufig wieder ins Wasser, und anschließend warten noch die Hausaufgaben. Dass seine Freunde trotz langer Trainingstage abends teilweise noch lange für die Schule arbeiteten, gehörte ebenfalls zu seinen Beobachtungen.

Der Alltag junger Leistungssportler sieht eben auch auf der anderen Seite des Atlantiks nicht nur nach Schwimmen aus.

Für Hardy, der selbst Schule und Training unter einen Hut bringen muss, war das eine Gelegenheit, den Alltag anderer Nachwuchssportler kennenzulernen – nicht nur beim gemeinsamen Training, sondern auch davor und danach.

Houston: Wolkenkratzer und Menschen ohne Zuhause

Natürlich blieb neben dem festen Tagesablauf auch Zeit, die Umgebung zu erkunden.

Bei einem Ausflug nach Downtown Houston stand Hardy zwischen riesigen Wolkenkratzern, modernen Hochhäusern und breiten Straßen. Eine ganz andere Größenordnung als zu Hause in Leipzig.

Gleichzeitig begegnete er dort Menschen, die auf der Straße leben. Der Kontrast zwischen den beeindruckenden Gebäuden und der Obdachlosigkeit unmittelbar daneben zeigte ihm eine andere Seite der amerikanischen Großstadt.

Auch das Klima gehört zu Texas. Schon während seines Aufenthalts war es warm. Wie extrem die Temperaturen im Hochsommer werden können, lässt sich erahnen, wenn man die unterirdischen, teilweise klimatisierten Wege zwischen den Hochhäusern in Downtown kennenlernt.

Solche Eindrücke gehören zu einer Reise ebenso wie die schönen Ausflüge. Ein anderes Land kennenzulernen bedeutet schließlich auch, Dinge zu sehen, die man von zu Hause so nicht kennt.

Kolibris, Schildkröten und zehn Echsen nach rechts und links

Nicht nur die Großstadt hatte einiges zu bieten. Auch die Tierwelt rund um The Woodlands war für Hardy eine neue Erfahrung.

Kolibris, Eichhörnchen und Schildkröten gehörten bald zu den Tieren, die er dort beobachten konnte.

Und dann waren da die vielen kleinen Echsen rund um die Terrasse der Gastfamilie. Wenn Hardy nach Hause kam, sprangen nach seiner Schilderung regelmäßig gefühlt zehn nach rechts und zehn nach links davon.

Nach Alligatoren hielt er an den Gewässern ebenfalls Ausschau. Gesehen hat er allerdings keinen.

Klapperschlangen, Vogelspinnen und Skorpione blieben ihm zum Glück ebenfalls erspart.

Drei Wochen mittendrin statt nur zu Besuch

Was diese Reise von einem gewöhnlichen Trainingsaufenthalt unterschied, war vor allem das Leben bei der Familie Petzold.

Hardy war nicht in einem Hotel untergebracht, sondern gehörte für drei Wochen zum Familienalltag. Gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche, Training, Schule, Arbeit und Unternehmungen – vieles ergab sich einfach aus dem Zusammenleben.

Mit Hannes, Nikolas und ihren Freunden ging es unter anderem zum Angeln, zum Kartfahren und auf Geburtstagsfeiern. Es blieb Zeit, gemeinsam etwas zu unternehmen und Freundschaften zu vertiefen.

Auch das Englischsprechen wurde mit der Zeit selbstverständlicher. Am Anfang war es nicht immer einfach, längeren Gesprächen zu folgen oder sich genauso auszudrücken, wie man es gerne wollte. Doch im Alltag gab es ständig Gelegenheiten, es einfach zu versuchen.

Dabei erlebte Hardy seine amerikanischen Freunde als offen und hilfsbereit. Wenn ihm ein Wort fehlte oder er etwas nicht verstand, halfen sie ihm weiter.

Vielleicht ist das einer der größten Unterschiede zwischen einem Urlaub und einem solchen Aufenthalt: Man schaut nicht nur zu, sondern wird für eine Weile selbst Teil des Alltags.

Was von drei Wochen Texas bleibt

Am 20. Oktober kehrte Hardy nach Leipzig zurück – mit vielen Fotos, neuen Erfahrungen und sicher auch einigen Geschichten, die noch erzählt werden wollen.

Er hatte eine andere Trainingsphilosophie kennengelernt, mit neuen Trainingsgeräten gearbeitet und erlebt, wie amerikanische Nachwuchsschwimmer ihren Alltag zwischen Schule und Sport organisieren.

Dazu kamen das Schulpraktikum, das Highschool-Leben, die Eindrücke aus Houston und die vielen kleinen Erlebnisse, die sich vorher kaum planen lassen.

Vor allem aber hat Hardy drei Wochen weit weg von zu Hause verbracht, neue Menschen kennengelernt, Freundschaften vertieft und sich in einer anderen Sprache und Kultur zurechtgefunden.

Für uns beim SSV Leutzsch ist genau das ein wichtiger Teil sportlicher Entwicklung.

Natürlich freuen wir uns über Bestzeiten, Medaillen und sportliche Erfolge. Aber Sport kann jungen Menschen noch viel mehr mitgeben: Selbstständigkeit, Offenheit, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Freundschaften, die auch dann bestehen bleiben, wenn man im Wettkampf auf benachbarten Bahnen gegeneinander schwimmt.

Dass ausgerechnet zwei Konkurrenten über 100 Meter Freistil zu guten Freunden geworden sind und daraus diese Reise entstanden ist, passt deshalb wunderbar zu dem, was wir unter Sport verstehen.

Trainieren. Lachen. Wachsen. – diesmal auf der anderen Seite des Atlantiks.

Ein herzliches Dankeschön an die Familie Petzold, die Hardy für drei Wochen aufgenommen und ihm diesen Aufenthalt ermöglicht hat!

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