SSV Leutzsch

© Leipziger Volkszeitung vom 18.01.2005

zurück zur Übersicht

Machtkampf im Schwimmen hält weiter an

Es war eine der ungewöhnlichsten Pressekonferenzen der vergangenen Jahre: Allein von Athleten in einfachem Ambiente organisiert - ohne Sponsorenwand, Getränke und schöne Worte. Doch das Thema war auch zu ernst für Kaffeeklatsch und Lobhudeleien. Die Schwimmer Sebastian Halgasch, Toni Franz (beide SCDHfK) und Stefan Herbst (SSV Leutzsch) machten öffentlich ihrem Ärger Luft, dass die Trainerfrage am Bundesstützpunkt noch immer nicht entschieden ist, dass die Verantwortlichen mit den Sportlern nicht sprechen, dass die Aktiven über die Kündigungen der Trainer Eva Herbst und Oliver Trieb aus der LVZ erfuhren.

Halgasch, der nach seiner Rückkehr aus Riesa bei Jirka Letzin trainiert, machte sich auch für die Trainerin seiner Kumpels stark: "Frau Herbst hat erfolgreich gearbeitet." Dass sie nach der Kündigung am Olympiastützpunkt (OSP) doch noch einen 18-Monate-Vertrag beim Sächsischen Schwimm-Verband erhielt, hat für Langstrecken-Ass Toni Franz vor allem einen Grund: "Der Druck wurde offenbar zu groß, dass die Sportler Leipzig verlassen könnten."

Auf Versäumnisse der Funktionäre führt Halgasch zurück, dass die Talente René Kolonko und Fabian Sadowski - beide sind Ur-Leipziger - in den vergangenen Jahren von Riesa abgeworben wurden. Dies habe dazu geführt, dass Leipzig mittlerweile zu wenig Kader hat - und vom "normalen" Bundesstützpunkt zum Nachwuchszentrum degradiert wurde. Der designierte Stützpunkt-Koordinator Göran Sell bestätigte, dass der Standort Vor- und Nachteile hat: "Insgesamt haben wir vor allem durch die Wissenschaft ein sehr gutes Umfeld. Wenn wir an den Schwächen arbeiten, können wir in vier Jahren wieder zurSpitze gehören."

Zu den Strukturen äußerte sich gestern auch Sabine Klenz. Die Olympia-Vierte von 1996 schwamm jahrelang in Magdeburg, absolvierte als Sportstudentin ihr Praktikum in Halle. Ihr Blick über den Tellerrand brachte die Erkenntnis: "In Sachsen-Anhalt ist der Sport besser organisiert. Da wird den Trainern der Rücken frei gehalten." Ihre Mutter Eva Herbst nimmt sie in Schutz: "Sie hat ihre Leitfunktion angeblich nicht erfüllt. Doch ein Trainer muss sich um seine Sportler kümmern. Er schafft es gar nicht, einen Stützpunkt zu leiten." Das sei Aufgabe des OSP. "Wozu ist der sonst da? In Magdeburg musste ich einmal im Monat zum OSP-Leiter. In Leipzig war ich in acht Jahren fünf Mal dort."

Der hiesige OSP-Chef Winfried Nowack räumte derweil ein, die Probleme rund um den Schwimmsport nicht lösen zu können. Er gab seine Kompetenzen an den Sächsischen Schwimm-Verband ab, der nun Dienst- und Fachaufsicht aller Trainer von der Spitze bis zumNachwuchs bündelt, nach einheitlichem Konzept vorgehen will. PräsidentWolfram Sperling: "Nur wenn uns das gelingt und sich die Trainer als Team verstehen, kommen wir vom Negativ-Image weg." Die Pressekonferenz der Athleten war jedoch noch nicht der letzte Akt im Kampf um Macht, Kompetenzen und Einfluss. Noch in dieser Woche will der Deutsche Schwimm-Verband einen verantwortlichen Trainer benannt bekommen. Favorit ist Jirka Letzin. Einigkeit über diese Personalie besteht zwischen allen Vereinen und Verbänden aber noch nicht.

Frank Schober