SSV Leutzsch

© Leipziger Volkszeitung vom 03.01.2005

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Chaos am Beckenrand

Leipzig. Einen Moment lang hielt sich Eva Herbst das Szenario vor Augen: Die vergangene Woche vom Olympiastützpunkt (OSP)Leipzig gekündigte Schwimmtrainerin stellte sich vor, wie ihre Trainingsgruppe zum Jahresauftakt allein da stehen würde. "Das kam für mich nicht in Frage. Ich lasse meine Gruppe nicht im Stich. Denn ich werde die Probleme nicht wie die anderen Verantwortlichen nach unten delegieren. Dann träfe es die Sportler."

Als Kündigungsgrund nannte OSP-Leiter Winfried Nowack ein Schreiben des Sächsischen Schwimm-Verbandes (SSV) vom 21. Dezember, in dem der Verband die Finanzierungsvereinbarung aufkündigte. Doch SSV-Generalsekretär Peter Pohl schob den schwarzen Peter gestern Richtung OSP zurück: "In dem Schreiben ging es nur um 2004, nicht um die Folgejahre. Es gibt daher keinen kurzfristigen Kündigungsgrund." Pohl meint, dass der OSP nach der Trennung von Nachwuchscoach Oliver Trieb (die Verhandlung am Arbeitsgericht findet nächste Woche statt) eine Schwimmtrainerstelle auch ohne SSV-Anteil finanzieren kann.

Seit September herrschte zwischen den auch in Sachen Synchronschwimmen zerstrittenen OSP und SSV weitgehend Funkstille, morgen ist ein Gipfeltreffen im Landessportbund angesetzt. Eva Herbst kommt zu dem Schluss: "Jahrelang haben alle Seiten versucht, die Schwimm-Probleme auf die Trainer zu schieben. Doch jetzt wird deutlich, dass wir ein Führungsproblem haben."

Perspektivisch will der Landesverband den momentan beim SC DHfK angestellten Jirka Letzin als Cheftrainer aufbauen. Präsident Wolfram Sperling kündigte gestern an, dass er sich eine zunächst zweijährige Übergangslösung mit dem Duo Herbst/Letzin vorstellen kann.


In keiner weiteren Sportart herrscht derzeit ein solches Chaos wie im Schwimmen. Doch Probleme mit der Trainerfinanzierung gibt es neben dem Synchronschwimmen (wir berichteten) auch im Wasserspringen und Kanuslalom. Bei den Springern sind zwei Stellen sicher, doch beiNachwuchstrainerin Jana Wilke reicht das Geld derzeit nur für sieben Monate, weil die Stadt Leipzig die Projektmittel für Schwerpunktsportarten gekürzt hat. "Das nehmen wir so nicht hin", sagte Trainer Uwe Fischer, dessen Sportart statt zuletzt 40000 nur noch rund 27 000 Euro Projektmittel erhalten soll. Für alle Top-Sportarten stehen laut Haushaltsentwurf statt 347000 nur noch rund 316000 Euro bereit.

Beim Kanuslalom langt die Mischfinanzierung der beim Landesverband angestellten Kajak-Trainerin Barbara Forke laut Stützpunktleiter Frithjof Bergner momentan nur für ein halbes Jahr: "Wir setzen darauf, dass sich das im Frühjahr positiv klärt. Barbara arbeitet auf jeden Fall weiter. Denn wenn eine Stelle erst einmal weg ist, kommt sie nie wieder."

Dieses Argument hört man auch von denSchwimm-Vereinen, die sowohl um die Stelle von Eva Herbst als auch jene von Oliver Trieb kämpfen. Beide wehren sich juristisch, beide stellen sich zurzeit ohne Vertrag an denBeckenrand. Eva Herbst meint: "Die Verantwortlichen dürfen nicht denken, dass sie mich monatelang für umsonst haben."

Frank Schober